OP* 27.08.08: Erfreuliche Überrumpelung

Solo-Premiere der Frau Steinbersch

Dietzenbach * Hat eine Vorführung etwas mit “vorgeführt werden” zu tun? Eigentlich nicht. So geschehen jedoch bei einem weiteren Premierenabend im Theater im Lädchen(TiL) von und und mit Judith Beier alias “Liesl Steinbersch”. Mit ihrem Solo-Stück “Ich hab da was vorbereitet…” unter der Regie von Tanja Garlt düpierte Beier ihr Publikum, das anfangs – natürlich nur im übertragenen Sinn – mit heruntergelassener Hose da stand. Ein Eklat, könnte man meinen. Wie das? Ganz einfach – sie, die “Liesl Steinbersch”, wurde lange Zeit unterschätzt, die scheinbar gutmütig-einfach-gestrickte Kunstfigur Beiers. Und dieses Überraschungsmoment nutze Judith Beier denn auch für einen großartigen Auftritt, mit dem sie ihr schauspielerisches Talent unter Beweis stellte. Schöner Nebeneffekt dabei: Dies fiel zugleich auf ihr liebenswertes Alter Ego zurück, das fortan keinesfalls mehr unterschätzt werden darf.

Und noch ehe sich der ob der Darbietung ungläubige Theaterbesucher wie in Trance langsam sein “Beinkleid” nach oben ziehen konnte, sich womöglich künstlich hätte echauffieren können, wurde er Zeuge der Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit Beiers – pardon: Liesl Steinberschs – , die sich auf Singen, Leibesübungsanimation und kunstfertiges Rezitieren langer Passagen klassischer Literatur bestens verstand. “Chapeau, Frau Steinbersch”, wollte man sagen, “diesen gekonnten Schachzug, der noch gerade einer höchst erfreulichen Überrumpelung gleichkommt, hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Schön, dass wir nun Ihr wahres Gesicht kennen!”

Ob Molière, Dreigroschenoper oder Shakespears “Romeo und Julia” – Liesl Steinbersch überzeugte mit ihrem einstündigen als Improvisationstheater angelegten Bühnenstück. Sie schmiss den Laden und unterhielt ihr sichtlich vergnügtes Publikum im nahezu ausverkauften TiL. Da bedurfte es kaum der mit Anekdoten gespickten Intermezzi als Überleitung zu einer neuen “Baustelle”, die von ihr mustergültig “beackert” wurde.

Es kann auch sein Gutes haben, erst einmal unterschätzt zu werden und einen Hehl aus seinem Talent zu machen. Abfinden jedoch muss man sich mit diesem Zustand noch lange nicht wie Liesl Steinbersch eindrucksvoll bewiesen hat.

Artikel von Matthias Towae

* OP = Offenbach Post

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